Meine Schwiegereltern und wir – neverending Story

Das Jahr 2011 ist im Endeffekt ein Horror-Jahr für mich und uns gewesen:

Meine Schwiegermutter hatte im Januar einen Schwächeanfall. Sie fiel im Badezimmer um, knallte auf den Badewannenrand. Trotz Operation, Reha-Maßnahmen und einem Krankenhausaufenthalt von über einem halben Jahr stand am Ende fest dass sie ab den Schultern querschnittsgelähmt bleiben würde. Sie kann die Arme ein bischen anheben und den Kopf drehen, das ist alles was von der bis dahin sportlichen Frau übrig blieb. Emotional ist sie völlig fertig, die Familie ebenfalls. Viel geredet wurde in der Familie noch nie, über Probleme schon garnicht. Daher wurde auch nie eine psychologische Beratung zu Hilfe genommen oder sich mal mit allen an den Tisch gesetzt um die nötigen Umbaumaßnahmen im Haus und das weitere Vorgehen zu planen.

Wir haben immer wieder Hilfe angeboten, entweder beim Umbau oder im Haushalt, aber es wurde nicht angenommen. Über ein halbes Jahr hinweg sind wir jedes Wochenende in die 1,5 h entfernte Klinik gefahren, haben uns dort durch die ca. 2 h Besuchszeit gequält und uns dann auf dem Heimweg vor lauter emotionaler Berg-und Talfahrt regelmäßig gestritten.

Die Beziehung von meinem Mann zu seinen Eltern war nie wirklich eng. Wir sind VORHER (es gab in den Erzählungen jetzt immer ein VORHER und ein NACHHER) mal zum Sonntagessen hingefahren, oder zum Geburtstag, Weihnachten, Ostern, aber richtige gemeinsame Unternehmungen waren sehr sehr selten. Sein Vater hat uns viel beim Umbau unseres Hauses geholfen und sie haben auch vieles davon bezahlt, aber sie sind uns nie richtig nahe gewesen.

Sein Vater möchte immer alles „Hauptsache fertig“ machen, mein Mann (wenn er denn schon mal was macht) dann „alles ganz genau“. Zudem ist mein Mann beim gemeinsamen Arbeiten immer nur „Azubi“ oder „Zuarbeiter“ aber nie als gleichwertig angesehen worden.

Ich bin vom Typ her meiner Schwiegermutter nicht sehr ähnlich. Sie liebt Deko und hat VORHER das ganze Haus mit viel Krams und jahreszeitlich passend geschmückt. (NACHHER musste das mein Schwiegervater unter ihrer Aufsicht machen) Ich dekoriere eher sparsam und lasse meine Deko das ganze Jahr hängen. Ich habe keine Osterdeko und außer einem Adventskranz keine Weihnachtsdeko. Irgendwie mag ich das bei mir nicht so. Ich gehe nicht gerne shoppen, lese auch manchmal einfach ein Buch obwohl der Garten gemacht werden müsste. Ich schaue nicht viel fernsehen und kann daher auch nichts zu DSDS oder GZSZ sagen.  Ich mag Katzen und deshalb haben wir jetzt 3 Stück, sie hat Angst vor Ihnen (das wusste ich vorher nicht) und lässt schon mal gehässige Bemerkungen über sie fallen („lasst sie doch einfach raus, dann werden sie plattgefahren und ihr habt eure Ruhe“ – Ich hatte über das morgendliche nach Futter betteln gewitzelt).

Sie ist eine richtige Hausfrau gewesen, mit Landfrauenclub, mit Tanzgruppe, die nie richtig gearbeitet hatte (mal ein paar halbe Tage), wegen der Kinder und weil sie es auch nicht brauchte. Bildung ist ihr nicht wichtig. Ich selber habe nach dem Abitur eine Ausbildung gemacht und danach immer gearbeitet. Daher habe ich weniger Zeit für den Haushalt, erwarte von meinem Mann Mithilfe und kann keine Handarbeiten.

Der jüngere Bruder von meinem Mann hatte schon immer besseren Kontakt zu seinen Eltern. Er hat lange Zeit nach seinem Auszug dort noch seine Wäsche gewaschen (Korrektur: Waschen und bügeln lassen), ist mit Mutti einkaufen gewesen, hat mit ihr Schuhe und Kleidung ausgesucht, regelmäßig dort gegessen und war zufrieden, beim gemeinsamen Arbeiten den Hammer zuzureichen. Seine Mutter hat seine erste Wohnung im Prinzip eingerichtet. Er war ins Dorfgeschehen eingebunden, hat im Spielmannszug mitgemacht und bei den Dorfabenden ordentlich einen getrunken. Hatte er mal eine Freundin, verschwand er für diese Zeit und meldete sich meistens garnicht mehr. Danach kam er dann wieder zurück und brachte seine Wäsche vorbei.

Irgendwie war mein Mann immer „das schwarze Schaf“. Er hatte kein Interesse fürs Dorfleben, ist lieber mit älteren Freunden in Diskotheken gegangen, nach Hamburg, Flensburg, Kiel oder noch weiter. Gespräche mit seiner Mutter über das Dorfgeschehen fand er doof, Spielmannszug und Dorfabende sowieso. Sobald er ausgezogen war (und damit mit mir zusammengezogen), haben wir selber Wäsche gewaschen, selber Klamotten und Schuhe gekauft und die Wohnung nach unserem Geschmack eingerichtet.

Meine Schwiegereltern haben ab und zu angerufen um uns zu erinnern, dass der Rasen gemäht werden müsste (also unser Rasen!), das die Mülltonne rausgestellt werden muss, dass ich immer noch die Plastikweihnachtssterne am Fenster hätte usw.

Bitte nicht falsch verstehen: ich mochte (und mag) meine Schwiegereltern. Sie sind liebe und gute und nette Menschen, die immer nur das Beste für ihre Kinder wollten. Aber ich kann einfach persönlich nicht so viel mit ihnen anfangen. Wir waren nie mal im Zoo, Schifffahren, im Theater, Musical oder sonstiges wie mit meinen Eltern.

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Die Situation war also VORHER schon nicht einfach und innig und nun gab es ein NACHHER. Mein Schwiegervater hatte das Haus umgebaut, meine Schwiegermutter kam im August 2011 nach Hause und saß entweder im Rollstuhl oder lag im Bett.  Sie bekam Pflegestufe 3 und musste gefüttert, angezogen, gewaschen, gekämmt und gepflegt werden. Dazu war sie emotional einfach völig fertig, sie hat viel geweint, wollte dass wir sie einfach ins Wasser werfen, damit sie uns keine Last mehr ist usw. Ein Pflegedienst kam von nun an jeden Tag, Physiotherapeuten und Ärzte ebenfalls öfter im Monat.

Mein Schwiegervater war ab dann für den Haushalt zuständig, fürs Essen, waschen, saubermachen, den Garten, die Arztfahrten, die Beschaffung der benötigten Hilfsmittel. Die angebotene Hilfe von uns wollte er nicht.  

Für meinen Mann war damals die Welt auf den Kopf gestellt worden. Seine Eltern, die ihm immer wieder geholfen hatten, sei es finanziell oder beim Umbau, brauchten jetzt selber Hilfe, akzeptierten unsere Angebote aber nicht.

Es ist schwer zu beschreiben, wie es damals (und immer noch) für ihn gewesen ist. Auf jeden Fall trug der Unfall und die daraus resultierenden Umstände erheblich zu unserer Trennung im Mai 2011 bei. Er brauchte Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen.

Ein Kind war für ihn undenkbar fern, zumal mein Schwiegervater selber auch nicht mehr der jüngste und fitteste ist und im Prinzip auch in der nächsten Zeit ausfallen könnte. Dann müssten er (und sein Bruder) mit der Pflege helfen und Verantwortung übernehmen. Es würde sehr viel Aufwand, Geld und Nerven kosten – und dann noch ein Kind?

Sein Bruder hatte nicht so viele Bedenken, Mitte des Jahres verkündete er die frohe Nachricht, dass seine Freundin schwanger wäre. Zu dem Zeitpunkt waren sie gerade einmal 6 Monate zusammen. Den Spruch „wir hätten ja garnicht gedacht, dass es so schnell klappt“ hätten sie sich sparen können.

Von unserem (meinem) Kinderwunsch und den Bemühungen wusste er Bescheid, zwar nicht in vollem Ausmaß, aber der feinfühligste war er noch nie.

Ich habe ziemlich viel geheult in diesem Jahr. Unter den Amitryptilin-Tabletten wurde ich zwar ruhiger, aber wirklich gut ging es mir glaube ich das ganze Jahr nicht. Insofern war ich froh, als das Jahr zuende ging.

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